Der Kampf gegen das eigene Spiegelbild: Sind Apotheken attraktive Arbeitgeber?

Veröffentlicht am 26.01.2022 von Katrin Bachmann

Nicht selten fechten Apotheken Spiegelkämpfe, wenn es darum geht, die eigene Arbeitgeberattraktivität herauszustellen.

In unseren vielen Gesprächen mit Apothekerinnen und Apothekern ist uns immer wieder ein Phänomen begegnet: Man ist sich der Attraktivität des eigenen Angebots als Arbeitgeber in vielen Fällen nicht bewusst. Meist äußert sich das gar nicht einmal in expliziten Minderwertigkeitsüberlegungen, sondern vielmehr in der Übernahme positiver Darstellungen der vermeintlichen Wettbewerber wie der Pharmaindustrie, großer Kliniken, von Verlagen und anderen Organisationen. Die kommunizierten Vorteile werden weitestgehend unhinterfragt geteilt, man fühlt sich als Apotheke im Nachteil und schnell entsteht das Bild ‚David gegen Goliath‘. Doch der Vergleich hinkt. Und er ist vor allem gar nicht nötig - nötig ist vielmehr eine Verschiebung des eigenen Fokus und das gezielte Herausarbeiten der eigenen Arbeitgeberattraktivität. Für viele Arbeitskräfte spielt beispielsweise der monetäre Aspekt eine untergeordnete Rolle bei der Berufsentscheidung, andere Faktoren sind, auch im Zusammenspiel, gewichtiger.

Was also schätzen Apothekenmitarbeiter an der Arbeit in der Offizin und was schätzen sie explizit an der Arbeit in meiner Apotheke? Das Bewusstwerden über die eigenen Stärken als Arbeitgeber und die offensive Kommunikation dieser Stärken ist der erste Schritt auf dem Weg zu einer erfolgreicheren Personalsuche.

Im Gespräch mit Frau Dr. Engel-Djabarian und Frau Dr. Grimm, selbstständige Apothekerinnen und Vorstandsmitglieder des Apothekerverbandes Rheinland-Pfalz e.V. - LAV, haben wir einige Impulse herausgearbeitet. Sehen Sie sich hier die Kurzzusammenfassung der Interviews an:

 

 

Räumliche Vielfalt und menschliche Nähe

Industriearbeitsplätze befinden sich nicht selten in einem urbanen Umfeld. Das Leben in einem solchen Umfeld ist sowohl mit Vorteilen als auch Nachteilen wie beispielsweise erhöhten Lebenshaltungskosten verbunden. Letztlich ist die Entscheidung für oder gegen eine urbane Arbeits- und Lebensumgebung eine individuelle Entscheidung, die von einer Vielzahl von Faktoren abhängt. Apotheken sind sowohl in städtischen als auch ländlichen Regionen angesiedelt und decken hierbei alles von der Metropole bis zur kleinen Gemeinde ab. Diese Struktur bringt eine Vielfalt mit sich, die es Apothekenmitarbeitern über ihr gesamtes Berufsleben hinweg immer wieder erlaubt, sich ihren Bedürfnissen entsprechend verändern zu können. Unterschiedliche Standorte bringen unterschiedliche Arbeitsschwerpunkte mit sich, in ländlichen Regionen werden beispielsweise die menschliche Nähe zu Kollegen und Kunden sowie die persönliche Bindung zum Kunden eine größere Rolle spielen als an urbanen Standorten. Welches dieser Arbeitsumfelder den eigenen Präferenzen entspricht, kann und darf ausprobiert werden. Doch auch die Veränderung persönlicher Lebensumstände kann eine berufliche Veränderung nach sich ziehen - die Apotheken aufgrund ihrer Standortvielfalt auffangen können.

‚Menschen helfen‘ als intrinsische Motivation

Die Arbeit in der Apotheke erfordert menschliche Nähe und Empathie wie kaum ein anderes Berufsfeld. Nicht jeder Arbeitnehmer ist dafür gemacht. Doch diejenigen, für die bei der Berufswahl Aspekte wie der Wunsch nach menschlicher Nähe, der enge und persönliche Kontakt mit Menschen, der Servicegedanke und der Wunsch, anderen Menschen zu helfen, eine entscheidende Rolle spielen, sind in der Offizin gut aufgehoben. Machen Sie sich als Arbeitgeber Gedanken darüber, wie stark Ihre Apotheke bzw. Ihr Standort diesen Aspekt im Arbeitsalltag abbildet. Eventuell spielt er sogar je nach Position im Team eine unterschiedlich große Rolle. Kommunizieren Sie dies bei der Personalsuche nach außen - und die Wahrscheinlichkeit, dass sich Kandidaten finden, die Ihre individuellen Gegebenheiten schätzen, steigt.

Wertschätzung und Anerkennung des Berufsbildes

Das Berufsbild des Apothekers oder Apothekenmitarbeiters hat kein Imageproblem, zumindest wenn es um die Wertschätzung und Anerkennung seitens der zu versorgenden Bevölkerung geht. Der Arbeitsalltag ist sogar in besonders hohem Maße von positivem Feedback durch Kunden und Patienten geprägt. Für einige Arbeitnehmer ist nicht nur Feedback von Kollegen und Vorgesetzen ein wichtiger Faktor für die eigene Arbeitsmotivation, sondern auch regelmäßiges externes, positives Feedback. Machen Sie sich diese Besonderheit bewusst und adressieren Sie sie an den Nachwuchs - denn dort herrscht insbesondere ohne praktische Erfahrung oft keine genaue Vorstellung vom gelebten Arbeitsalltag. Mitarbeiter, für die ein von Herzen kommendes „Danke, Sie haben mir sehr geholfen“ ein wichtiger Antrieb ist, werden das Arbeitsumfeld einer Apotheke schätzen.

Gewachsene Teams & flache Hierarchien

Apothekenteams sind meist gewachsene, auf Vertrauen basierende Gemeinschaften. Hohe Fluktuationsraten sind selten. Sowohl im Vergleich zur Industrie als auch im internen Vergleich weisen Apotheken in ländlichen Regionen die niedrigste Fluktuation aus. Dies ist zum einen durch einen stetigen, saisonunabhängigen Personalbedarf begründet, zum anderen durch die enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Teamkollegen und Vorgesetzen, die in der Branche in besonderem Maße herrscht. Wer sich einmal für eine bestimmte Apotheke entscheidet und sich dort wohlfühlt, kann in der Regel mit einem lebenslang sicheren Job rechnen. Hohe berufliche Stabilität ist eine branchenspezifische Besonderheit.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Da sich Apothekenarbeitsplätze grundsätzlich in fußläufiger Entfernung zum Wohnort befinden können, sind umfangreiche und zum Teil sehr aufwändige Organisationsmaßnahmen, um Familie und Beruf zu vereinbaren, leichter zu handlen. Gerade in kleinen Teams herrscht ein hohes Maß an Flexibilität und individuelle Absprachen sind im Rahmen der Öffnungszeiten üblicherweise gut umsetzbar. Apothekenteams sind darüber hinaus überwiegend weiblich, Teilzeitarbeitsplätze, individuell angepasste Arbeits- und Urlaubszeiten sowie spontanes Reagieren auf krankheitsbedingte oder andere Ausfälle sind für Arbeitgeber normal und selbstverständlich. Auch wenn in der Theorie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie eine ausgewogene Work-Life-Balance Aufgabe aller Geschlechter sein sollte, sieht die Realität häufig anders aus. Das Positive: Apotheken kennen diese Umstände, haben sich entsprechend angepasst und Möglichkeiten geschaffen. Sie gehören zu den familienfreundlichsten Arbeitgebern der Branche.

Inhaltliche Vielfalt und Entwicklungsmöglichkeiten

Die Arbeitsbereiche innerhalb der öffentlichen Apotheke sind vielfältig und vor allem nicht in Stein gemeißelt. Für Mitarbeiter gibt es zahlreiche Möglichkeiten, ihren Arbeitsschwerpunkt ihren persönlichen Präferenzen anzupassen, auch wenn dieser sich über die Zeit verändert. Fort- und Weiterbildungsangebote unterstützen diese Entwicklung und ermöglichen nicht nur die inhaltliche Verlagerung von Arbeitsschwerpunkten, sondern auch die Übernahme von Verantwortung bis hin zur Leitung einer Apotheke im Angestellten- oder Selbstständigenverhältnis. Die Arbeit in der Offizin bietet Perspektiven, die in erster Linie vom Willen und den Wünschen des Mitarbeitenden selbst bestimmt werden und sehr wenig von hierarchischen oder unternehmensspezifischen Limitationen wie beispielsweise in der Industrie. Es ist die Aufgabe von Apotheken, auf die Vielfalt und die Karriereperspektiven innerhalb der Branche und im Speziellen auf die Möglichkeiten im eigenen Unternehmen aufmerksam zu machen. Denn nur wer Perspektiven bietet, findet auch Mitarbeiter mit Perspektive.